Interview veröffentlicht am  08.05.2018

Standortfaktor Energie

Warum die Energiepreise der Chemie das Leben schwer machen

Die Chemiebranche in Deutschland muss im internationalen Vergleich besonders viel für Energie zahlen – getrieben vor allem durch staatlich verordnete Umlagen. Trotz Innovationen und Einsparungen stößt die Branche nach jahrzehntelanger Optimierungspraxis nun an ihre Grenzen: „Wir allein retten hier in Europa mit unseren Maßnahmen keinen einzigen Eisbären“, sagt Jürgen Vormann, Vorsitzender der Geschäftsführung des Industrieparkbetreibers Infraserv Höchst in Frankfurt. „Die grundsätzlich sinnvollen umwelt- und klimaschutzpolitischen Ziele, die die Energiekosten hierzulande maßgeblich beeinflussen, müssen auch auf transnationaler Ebene flankiert werden. Und die nationalen Instrumente müssen auf ihre Wirksamkeit hin überprüft und angepasst werden.“

Doch aktuell dreht sich die Kostenschraube immer weiter. Energie als Standortfaktor ist für Deutschland zum Nachteil geworden. Wie geht man damit um?

Juergen Vormann Infraserv Höchst©Sandro

Herr Vormann, Ihr Unternehmen versorgt im Industriepark Höchst 120 Produktionsanlagen, 90 Unternehmen und über 800 Gebäude mit Wärme, Kälte, Dampf und Strom. Welche Rolle spielt die Energie als Standortfaktor?
Jürgen Vormann: Die Energie ist als Kostenfaktor für produzierende Chemieunternehmen so wichtig wie der Rohstoffeinsatz, und das will bei einer rohstoffgetriebenen Industrie etwas heißen. Die deutsche Chemiebranche verbucht einen Energiekostenanteil von knapp 15 Prozent der Bruttowertschöpfung. Der rein stoffliche Einsatz von Energieträgern als Rohstoff im Produktionsprozess hat einen Anteil von rund 13 Prozent der Bruttowertschöpfung, das ist eine ähnliche Größenordnung.

Gilt das für alle Unternehmen?
Vormann: Das differiert sehr stark. Die Produktion von Grundchemikalien ist mit sehr energieintensiven Prozessen verbunden, dort liegt der Anteil der Energiekosten an der Bruttowertschöpfung bei knapp unter 30 Prozent. In der Pharmaindustrie liegt dieser Wert nur bei rund vier Prozent.

Juergen Vormann Infraserv Höchst©Sandro

Der durchschnittliche Strompreis für industrielle Abnehmer ist in den vergangenen zehn Jahren um fast 30 Prozent gestiegen und …
Vormann: … das ist zwar richtig, aber hier muss man differenzieren. Das, was in den letzten Jahren extrem gestiegen ist, sind nur die politisch getriebenen Abgabelasten! Der Großhandelspreis für Strom – das heißt der Strompreis ohne Abgaben – ist in den letzten Jahren sogar deutlich gesunken!

Sie meinen Preisaufschläge wie die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, die Konzessionsabgabe, die KWK-Umlage, die Offshore-Haftungsumlage, die Stromsteuer, die Umlage für abschaltbare Lasten, die Mehrwertsteuer?
Vormann: Richtig! Die EEG-Abgaben zum Beispiel sind in den vergangenen Jahren exorbitant gestiegen. Und das führt dazu, dass die Strompreise für nicht von der EEG-Abgabe befreite Verbraucher in Deutschland im europäischen wie im globalen Wettbewerbsvergleich zu den höchsten überhaupt zählen.

Die Energie an sich wäre nicht so teuer?
Vormann: Die reinen Preise für Primärenergieträger stellen zunächst einmal nur einen Knappheitsindikator dar, nämlich etwa als Marktpreise für Gas, Öl oder Kohle. Und diese Marktpreise schwanken mehr oder weniger stark durch Schwankungen zwischen Angebot und Nachfrage nach diesen Primärenergieträgern. Wir haben – ebenso wie unsere Kunden – eigene Beschaffungsstrategien für Öl, Gas oder Kohle. Die Preise sind für alle Marktteilnehmer mehr oder weniger gleich und sehr transparent, auch die Verfügbarkeit ist in der Regel gegeben. Das wäre also aus Sicht eines Unternehmens oder Standortbetreibers noch kein wirklicher Wettbewerbsnachteil. Man hat aber sehr wohl Nachteile bei den Preiskomponenten, die nicht marktgetrieben, sondern regulatorisch vorgegeben sind – wie etwa die EEG-Umlage. Hier bezahlen die deutschen Verbraucher über den Strompreis den Aufbau von Kapazitäten im Bereich der erneuerbaren Energien. Im letzten Jahr sind auf diese Weise rund 25 Milliarden Euro umverteilt worden, übrigens ohne, dass relevante Reduzierungen der CO2-Emissionen erreicht worden wären.

 

Industriepark©Infraserv-Hoechst

Was kostet Sie der Strom und wo sehen Sie Einsparpotenzial?  
Vormann: Der Großhandelspreis für eine Megawattstunde Strom liegt aktuell bei circa 35 Euro. Dazu kommen die aktuellen EEG-Abgaben pro Megawattstunde mit circa 68 Euro, nochmal rund 20 Euro Stromsteuer und Netzumlagen von circa 8 Euro. Zusätzlich sind die Preise für die Nutzung des Stromnetzes deutlich gestiegen. Das macht uns enorm zu schaffen. Diese Kostenbelastungen, die zu echten Nachteilen im internationalen Wettbewerb führen, sind das eigentliche Problem. Und wo soll man noch sparen? Wir nutzen die Vorteile der Kraft-Wärme-Kopplung bereits konsequent und sind hocheffizient, wenn es darum geht, die eingesetzten Primärenergieträger in Nutzenergie wie Dampf oder Strom zu konvertieren. Das schaffen wir mit Hilfe unserer hochmodernen Kraftwerke und Gasturbinen. Durch die Kraft-Wärme-Kopplung erzielen wir Wirkungsgrade, die bei 90 Prozent liegen und damit nahe an dem Punkt, der physikalisch überhaupt möglich ist. Das heißt, rund 90 Prozent des Energiegehaltes aus einem Kubikmeter Gas, einer Tonne Öl oder einer Tonne Steinkohle wird in echte Nutzenergie konvertiert. Klassische Kohlekraftwerke, die ausschließlich Strom produzieren, schaffen gerade mal 40 Prozent. Zudem haben wir extrem effiziente Verteilnetze für Energien. Wir versuchen, jedes Quäntchen Nutzenergie, das wir produzieren, auch an den Verbrauchsort zu bringen.

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Chemie-Gewerkschaft IG BCE, bezeichnet die Energiewende als ein „gesellschaftliches Mega-Projekt“, das „komplett aus dem Ruder gelaufen“ sei. Was müsste sich denn Ihrer Meinung nach ändern?
Vormann: Ich fürchte, auf Seiten der durch die Energiewende verursachten Kosten wird sich nichts zum Besseren wenden, im Gegenteil. Man müsste einen ganz anderen Ansatz finden, um die grundsätzlich begrüßenswerte Wende hin zu erneuerbaren Energie zu finanzieren. Das ist die eigentliche Herausforderung! Wir befinden uns auf dem richtigen Weg hin zu einer stärker nachhaltigen Wirtschaft. Es ist ja absolut richtig, die Nutzenergieerzeugung an Nachhaltigkeitsaspekten auszurichten. Die Frage ist, wie man dieses vernünftige Ziel erreichen kann und wie man die Umsetzung finanziert.

Mit anderen Worten, wir bräuchten ein vernünftiges Konzept für die Energiewende …
Vormann: …, das es bis heute nicht gibt. Tatsache ist, dass der CO2-Ausstoß in Deutschland nicht sinkt, obwohl wir den größten Anteil an erneuerbaren Energien haben. Als die Energiewende beschlossen wurde, geschah dies mit breitem gesellschaftlichem Konsens. Jetzt brauchen wir einen grundlegenden Systemwechsel hin zu einer marktgerechten und wettbewerbsneutralen Finanzierung, die auch tatsächlich einen Steuerungseffekt entfaltet.
 

Wie sehen Sie die Zukunft?
Vormann: Es kommen in den nächsten Jahren Milliardenbeträge aus den Kosten für die Energiewende auf die Branche zu. Je nachdem, wie sich die Preise für CO2-Emissionszertifikate entwickeln, droht ein weiterer massiver Kostenschub. Wenn man den „Verbrauch“ der Ressource Umwelt über die CO2-Emissionszertifikate kostenpflichtig macht, dann sollte man die eingenommenen Mittel zur Förderung der erneuerbaren Energien nutzen und diese nicht zweckentfremden. Dann könnte man auch alle Umlageverfahren ersatzlos streichen. Dann würden Firmen, die mehr CO2 emittieren als andere, den Preiseffekt spüren. Und diese Firmen würden darüber nachdenken, ob sie in geeignete technische Maßnahme investieren, um die Emissionen zu reduzieren.
 

Herr Vormann, vielen Dank für das Gespräch.

Infraserv-Hoechst©Infraserv-Hoechst

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