Artikel veröffentlicht am  26.07.2018

Flexibles Arbeiten in der Chemie

Die IG BCE fordert in der Chemie-Tarifrunde unter anderem eine „Weiterentwicklung der Arbeitsbedingungen“, also etwa mehr Souveränität und flexiblere Arbeitszeitmodelle für Beschäftigte. Tatsächlich sind die Unternehmen der Chemieindustrie schon jetzt Vorreiter, was Flexibilität angeht: vom mobilem Arbeiten bis zur Teilzeit für verschiedene Altersgruppen und Lebenslagen bieten sie vielfältige Modelle, von denen Mitarbeiter profitieren können. Dabei muss aber immer das Arbeitsvolumen der Unternehmen gesichert sein. Wie diese Balance gelingen kann, zeigen unsere Beispiele:

Schöne Aussichten für Thomas Witzel: Er arbeitet demnächst nur noch die halbe Zeit, hat aber kaum Gehaltseinbußen. Wie das geht? Der Sachbearbeiter in der Buchhaltung von B. Braun in Melsungen nutzt das Modell Teilzeit 60 plus. Das besondere Teilzeitmodell bietet der Pharma- und Medizintechnikproduzent allen Beschäftigten an, die ihren Renteneintritt flexibel gestalten möchten. „Wir führen Orientierungsgespräche mit allen Mitarbeitern nach dem 58. Lebensjahr“, schildert Uwe Ross, Leiter Gesundheitsmanagement und Arbeitswissenschaft von B. Braun. „Es geht darum, welche Pläne man schon selbst hat und welche Anwartschaften bei der gesetzlichen und betrieblichen Rente bestehen.“

BBraun©Jörg-Lantelme

Das Programm Teilzeit 60 plus ist gestaffelt: Wer ganz normal Vollzeit arbeitet, darf das Modell 40 Monate  vor dem regulären Renteneintritt in Anspruch nehmen. Chemiearbeiter in der Produktion, die an fünf Tagen pro Woche Früh- und Spätschicht haben, dürfen schon früher kürzer treten. An einigen Anlagen produziert B. Braun auch rund um die Uhr: Die Beschäftigten dort arbeiten im Dreischichtbetrieb und haben sogar 64 Monate vor dem Renteneintritt das Recht auf Teilzeit.

Teilzeit auch in Schichtmodellen möglich

Der Arbeitgeber zahlt allen Programmteilnehmern 30 Prozent des Entgelts aus dem Demografiefonds des Tarifvertrags „Lebensarbeitszeit und Demografie“ obendrauf. Thomas Witzel spart zudem seit Jahren Überstunden auf seinem Langzeitkonto an und kombiniert beide Angebote. „Für mich ist das eine gute Lösung“, sagt der Buchhalter. „Ich kann drei Jahre lang das 50-Prozent-Angebot nutzen und durch das angesammelte Guthaben auf meinem Langzeitkonto entsprechend früher aufhören.“

Von den rund 7500 Mitarbeitern am Standort Melsungen sind fast 200 in Teilzeit 60 plus. „Wir bieten das Programm im Rahmen des Tarifvertrags seit acht Jahren“, erklärt Ross: „Alle unsere Schichtmodelle haben mittlerweile eine Teilzeitvariante.“ Durch den demografischen Wandel wird auch die Zahl der Anspruchsberechtigten steigen. Bei B. Braun hat zudem die Familienteilzeit eine lange Tradition: Eltern oder pflegende Angehörige können ihre Stunden bis zu fünf Jahren um die Hälfte reduzieren. Diejenigen, die Kinder betreuen, erhalten auf ihr Teilzeitentgelt 15 Prozent als betrieblichen Bonus.

Einzelnen Flexibilität zu ermöglichen, erfordert eine übergreifende Einsatzplanung. In der Verwaltung und der Produktion müssen die Prozesse und Projekte weiterhin reibungslos laufen. Nachfolger müssen gefunden werden, auch die Kollegen müssen mitziehen. „Das alles geschieht nicht von heute auf morgen“, betont Ross. „Aber durch unsere Orientierungsgespräche haben wir einen Vorlauf von mindestens einem Jahr.“ Neben dem Planungsaufwand entstehen dem Unternehmen Kosten durch die Entgeltaufstockungen. Der Vorteil: „So steht uns das Know-how der Beschäftigten weiterhin zur Verfügung – und sie können die Neuen selbst einarbeiten.“
 

Mit dienstlichem Handy und Notebook sitzt Karsten Lenkeit am Schreibtisch in seinem privaten Arbeitszimmer. Er ist bei der Currenta-Werkfeuerwehr beschäftigt und kümmert sich um die Abrechnungen. Einen Teil der Aufgaben darf der Spezialist für Brandschutz in Absprache mit dem Vorgesetzten außerhalb des Betriebs erledigen – zuhause oder an einem anderen geeigneten Ort. „Zuhause kann ich mit meinem Dienstnotebook genauso arbeiten wie im Büro“, betont Lenkeit und schildert einen ganz konkreten Vorteil für seine Tätigkeit: „Im Bereich Abrechnung ist es sinnvoll, da hier einiges an Konzentration benötigt wird, die man im Büro leider nicht immer hat. Das mobile Arbeiten bietet die Möglichkeit, effektiver und konzentrierter zu arbeiten.“

Currenta©Bernhard-Moll

Currenta ist Betreiber eines der größten Chemieareale in Europa, dem Chempark mit Standorten in  Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen. Mitarbeiter in Gleitzeit haben hier die Möglichkeit, einen Teil ihrer Arbeiten nach vorheriger Abstimmung mit dem Vorgesetzten außerhalb des betrieblichen Arbeitsplatzes zu erledigen.

„Betriebliche Möglichkeiten und Erfordernisse beachten“

Rund 3200 Mitarbeiter schaffen optimale Forschungs- und Produktionsbedingungen für die ansässigen Kunden des Chemieparks, indem sie sich um Ausbildung, Versorgung mit Rohstoffen und Energie, Entsorgung von Abfällen, um Umwelt- und Gesundheitsschutz und Vieles mehr kümmern. „Unsere Beschäftigten arbeiten in Gleitzeit, Wechselschicht, im Alarmdienst sowie – im leitenden Bereich – in der Vertrauensarbeitszeit, bei der es keine Zeiterfassung gibt“, schildert HR-Leiterin Susan-Stefanie Breitkopf die vielfältigen Arbeitszeitmodelle. 

„Jeder Mitarbeiter kann die Modelle unter Beachtung betrieblicher und individueller Möglichkeiten und Erfordernisse nutzen“, sagt sie. Außertarifliche Beschäftigte können ihre Arbeitszeit aufs Jahr gerechnet um fünf bis 15 Prozent bei entsprechendem Entgelt reduzieren; die kürzere Arbeitszeit wird in arbeitsfreie Tage umgerechnet, die in Abstimmung mit dem Vorgesetzten variabel genommen werden können. Auch für Tarifmitarbeiter, die je nach Einsatzbereich in verschiedenen Schichtsystemen arbeiten, gibt es Möglichkeiten der flexiblen Arbeitszeitgestaltung. Breitkopf: „Ihnen bieten wir die Möglichkeit, die abzuleistenden Ausgleichsschichten in Absprache mit den Kollegen weitestgehend individuell zu planen.“ 

„Die Organisation und Planung ist gerade im Schichtbereich zum Teil mit höherem Aufwand verbunden", betont die HR-Leiterin: Eine Mindestbesetzung auf der Schicht muss stets gewährleistet sein. Deshalb sind die direkten Vorgesetzten immer auch in die Organisation eingebunden: „Die individuelle Planung findet dezentral in den Bereichen statt.“ Den Aufwand nehme Currenta als Manager und Betreiber des Chemparks jedoch in Kauf, weil flexible Arbeitsformen zu einer modernen Gestaltung der Arbeitswelt dazu gehörten: „Die Flexibilität führt zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und privater Lebensführung, erhöhter Arbeitgeberattraktivität sowie auch zu positiven gesundheitlichen Effekten", erklärt Breitkopf.

Der eine arbeitet 32 Stunden in der Woche, weil er sich mehr um die Kinder kümmern will. Ein weiterer Mitarbeiter desselben Betriebs arbeitet 40 Stunden, der dritte sogar 44, weil das Eigenheim schneller abbezahlt werden soll. Ein mögliches Szenario auf Grundlage des Tarifvertrags „Potsdamer Modell“, der im Mai 2017 zwischen dem Arbeitgeberverband Nordostchemie und der IG BCE geschlossen wurde. 

Geschäftsführung und Betriebsrat entscheiden seit 1. Januar 2018 gemeinsam, welche wöchentliche betriebliche Arbeitszeit in einem Korridor von 32 bis 40 Stunden gilt. Genauso maßgeschneidert kann die Arbeitszeit ab 2019 für einzelne Beschäftigte ausfallen, von 32 Wochenstunden an aufwärts. Die Details regelt jeweils eine Betriebsvereinbarung. 
 

Flexibilität im Fokus

„Flexibilität ist das Stichwort dieses Tarifvertrags, für die Unternehmen genauso wie für die Mitarbeiter“, sagt Daniel Hupka. Gemeinsam mit Birgit Grunow vom Tarifpartner IG BCE ist der Jurist vom Arbeitgeberverband Nordostchemie unterwegs, um in den Unternehmen Geschäftsführung und Betriebsrat alle Möglichkeiten des Tarifvertrags zu erläutern. „Das gilt für betriebliche Belange ebenso wie für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei jedem einzelnen Mitarbeiter.“

Das sozialpartnerschaftliche Angebot ist gefragt. Hupka und Grunow haben seit Start der Beratungen im Februar 2018 mittlerweile ein knappes Fünftel der gut 120 Nordostchemie-Unternehmen im Flächentarifvertrag beraten. Bei den Gesprächen spielt auch immer der „Tarifvertrag zur lebensphasengerechten Arbeitszeitgestaltung“, kurz LephA-TV, eine Rolle. Der ist seit 2013 in Kraft, wurde 2016 als LephA-TVplus um die Punkte Qualifizierung und Gesundheitsmanagement erweitert.
 
2,5 Prozent der Tarifentgelte gehen in einen Fonds, aus dem Entlastungen finanziert werden. Die Details regeln jeweils die Sozialpartner vor Ort. „Ziel des Vertrags ist es, den Mitarbeitern das Arbeiten in ihren speziellen Lebenssituationen zu erleichtern“, sagt Hupka. So werden mit dem Fond etwa zeitliche Entlastungen für die Pflege der Eltern, in der Kindererziehung oder für das Kürzertreten auf Arbeit im Alter geregelt und finanziert.
 

Potsdamer-Modell©Fotolia

Wie die Praxis aussieht – einige Beispiele

Fall 1 – Ein über 60 Jahre alter Chemikant geht in Teilzeitarbeit mit tariflichem Entgeltausgleich nach LephA-TV, geregelt in einer Betriebsvereinbarung. 65 Freischichten im Jahr reduzieren seine Arbeitszeit auf 80 Prozent der tariflichen Arbeitszeit, gleichzeitig erhält er noch etwa 90 Prozent seines Entgeltes. 

Fall 2 – Eine erfahrene Laborantin in Tagschicht pflegt ihre 90-jährige chronisch kranke Mutter. Von ihrem Arbeitgeber erhält sie jährlich ein Stundenkontingent, für das sie zur Pflege bezahlt freigestellt wird. Die Stunden kann sie in Absprache mit den Vorgesetzten freinehmen.

Fall 3 – Beide Elternteile arbeiten in Wechselschicht an derselben Anlage. Um die Versorgung und Betreuung der zweieinhalbjährigen Tochter ohne fremde Hilfe zu erleichtern, hat das Unternehmen dem Vater Erziehungszeit gewährt. Mit den zweieinhalb bezahlten Stunden extra pro Woche lässt sich die Betreuung gut organisieren.

Fall 4 - 90 Minuten bezahlte Elternzeit pro Woche gewährt ein Unternehmen einer Mutter bis zum sechsten Lebensjahr ihres Kindes. So kann sie es einmal pro Woche früher aus dem Kindergarten für gemeinsame Aktivitäten abholen.

Fall 5 - Zweieinhalb Stunden bezahlte Erziehungszeit ermöglichen einem IT-Systemadministrator wöchentlich einen gemeinsamen Nachmittag und größere Nähe zu den kleinen Kindern. Das entlastet auch die ebenfalls berufstätige Mutter.
 

Wie sich das Arbeiten in der Chemie durch die Digitalisierung verändert, lesen Sie in unserem Schwerpunkt Arbeiten 4.0. Dort finden Sie unter anderem weitere Beispiele für flexible Arbeitszeitmodelle.

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