Artikel veröffentlicht am  05.02.2019

Attraktive Arbeitszeiten in der Chemie

Flexible Arbeitszeiten ermöglichen es den Chemie-Beschäftigten, Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Und Flexibilität kann es auch beim Übergang in den Ruhestand geben. Dazu haben die Sozialpartner der Chemie-Industrie in den ostdeutschen Bundesländern das Potsdamer Modell geschaffen. Welche Chancen es Mitarbeitern bietet und worauf es den Unternehmen ankommt, lesen Sie in unserer Reportage.

Attraktive Arbeitszeiten in der Chemie: das Potsdamer Modell

Steffen Martin, Betriebsrat bei BASF Schwarzheide, berät eine Kollegin. Foto: BAVC/Michael Deutsch

Steffen Martin ist ein gefragter Gesprächspartner. Der 56-Jährige ist 2018 bei BASF Schwarzheide zum freigestellten Betriebsrat gewählt worden. Als Leiter der Ausschüsse Arbeitsorganisation sowie Datenschutz, Digitalisierung, IT-Sicherheit ist er auch der Ansprechpartner für das Thema Arbeitszeit. Eine junge Mitarbeiterin hat sich gerade bei ihm informiert. „Sie wollte wissen, was es mit der Wahlarbeitszeit auf sich hat“, sagt Martin, vorher Schichtleiter in der Pflanzenschutzmittel-Produktion.

 

Wahlarbeitszeit? Martin klärt auf und berichtet von den Tarifverhandlungen 2017, die zum Potsdamer Modell führten: Es gibt den Chemie-Tarifpartnern im Bezirk Nordost (die fünf ostdeutschen Bundesländer plus Berlin) die Möglichkeit, „gute Kompromisse zwischen den betrieblichen Belangen und den persönlichen Ansprüchen der Beschäftigten zu finden“.

 

Betriebliche und individuelle Arbeitszeiten

Das Potsdamer Modell bietet mehr Flexibilität für beide Seiten:

 

  • Arbeitgeber und Betriebsrat können dank des Modells zum einen die im Betrieb oder in Betriebsteilen generell geltende Wochenarbeitszeit in einem Korridor von 32 bis 40 Stunden festlegen.

  • Einigen sie sich in diesem Punkt nicht, greift eine Auffangregelung: Sie reduziert die bislang geltende Arbeitszeit von 40 Stunden stufenweise bis 2023 auf 38,5 Stunden.

  • „Zum anderen sind von der generellen Arbeitszeit abweichende individuelle Wahlarbeitszeiten für die Kollegen ab 32 Stunden möglich“, erklärt Martin. „Die gelten jeweils befristet und führen nach Ablauf automatisch zurück zur allgemeinen betrieblichen Arbeitszeit.“ Davon profitieren Mitarbeiter etwa, wenn sie Familienangehörige pflegen oder mehr Zeit für ihre Kinder brauchen.

BASF Schwarzheide mit seinen 1800 Beschäftigten hat für die Umsetzung des Tarifvertrags inzwischen eine Betriebsvereinbarung geschlossen. „Zunächst werden das vier Teilbetriebe als Pilotprojekte umsetzen“, berichtet Martin. Aus ihren Erfahrungen – das Abstimmen persönlicher und betrieblicher Belange führt natürlich zu mehr Aufwand und einer anderen Arbeitsorganisation – werden Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter bis 2021 gemeinsam ein System für den gesamten Standort erarbeiten.

Attraktive Arbeitszeiten in der Chemie: das Potsdamer Modell

Der Personalchef von BASF Schwarzheide, Hartmut Lang. Foto: BAVC/Michael Deutsch

Großer Aufwand, großer Nutzen?

Die allgemeine Wochenarbeitszeit wird in den Pilotbereichen jeweils für einen im Sommer beginnenden Einjahreszeitraum festgelegt. Jeder Mitarbeiter nennt seine Wunscharbeitszeit für diese Zeitspanne und gibt an, ob er lieber mehr Nacht- oder Frühschichten möchte. Im nächsten Schritt geht es darum, Betriebliches und Persönliches so weit wie möglich unter einen Hut zu bekommen. Das kann auch bedeuten, dass in manchem Betrieb mittelfristig neue Kollegen eingestellt werden. Das steht aber unter einem Vorbehalt: „Die Gesamtpersonalkosten dürfen nicht steigen“, betont Lang.

 

Der organisatorische Aufwand ist hoch. Doch Personalchef Lang erwartet sich davon mehr Zufriedenheit und Engagement der Mitarbeiter. Ebenfalls nicht zu unterschätzen:  „Studien zeigen, dass Einfluss auf die Arbeitszeitgestaltung auch positive Effekte auf die Gesundheit der Mitarbeiter hat.“ Zudem fördern flexible Arbeitszeitmodelle die Attraktivität als Arbeitgeber und können vor allem motivierte junge Fachkräfte anlocken. Ein Muss nicht nur bei BASF Schwarzheide, wo in den kommenden zehn Jahren viele Beschäftigte in den Ruhestand gehen werden.

 

Attraktivität durch „lebensphasengerechte“ Arbeitszeit

Ein weiteres Instrument, mit dem das Unternehmen seine Attraktivität im Wettbewerb um Fachkräfte steigern möchte, ist der 2016 erweiterte Tarifvertrag über eine lebensphasengerechte Arbeitszeitgestaltung (LephA-TVplus):

 

  • Sein Kern ist ein Fonds, in den ein Betrag von 2,5 Prozent der jährlichen Tarifentgeltsumme fließt. Aus dem Topf werden sozialpolitische Programme finanziert, die die Tarifpartner im jeweiligen Betrieb beschließen.
  • Bei BASF Schwarzheide erhalten etwa Beschäftigte mit Kindern bis sechs Jahre einen bezahlten freien Tag pro Monat.

  • Schichtarbeiter ab 55 Jahren wiederum können die ihnen zustehende Altersfreizeit auf die hohe Kante legen und ab 60 Jahre ein Fünftel weniger bei vollem Lohn arbeiten.

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